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Fidesz – Ungarischer BĂŒrgerbund
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Fidesz – Ungarischer BĂŒrgerbund (ungarisch Fidesz – Magyar PolgĂĄri SzövetsĂ©g), kurz Fidesz [] oder Fidesz-MPSZ, ist eine politische Partei Ungarns, deren Ausrichtung als autoritĂ€rcite-ref-3[3]cite-ref-4[4]cite-ref-5[5]cite-ref-6[6], ultranationalistischcite-ref-7[7]cite-ref-8[8]cite-ref-9[9], EU-skeptischcite-ref-10[10], illiberalcite-ref-11[11]cite-ref-12[12]cite-ref-13[13], antidemokratischcite-ref-14[14]cite-ref-15[15]cite-ref-16[16] und rechtsextremcite-ref-17[17]cite-ref-18[18]cite-ref-19[19]cite-ref-20[20] eingestuft wird (siehe OrbĂĄnismus). Sie wurde ursprĂŒnglich als liberale Protestorganisation junger Intellektueller gegrĂŒndet und entwickelte sich spĂ€ter zur grĂ¶ĂŸten bĂŒrgerlichen Partei des Landes.cite-ref-21[21]cite-ref-22[22] Parteivorsitzender ist Viktor OrbĂĄn.

Contents

‱ Geschichte
‱ GrĂŒndung
‱ Vorstand
‱ Europawahlen
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Geschichte

GrĂŒndung

Unter dem Namen „Bund Junger Demokraten“ (ungarisch Fiatal DemokratĂĄk SzövetsĂ©ge, daraus das Akronym Fidesz, Backronym fĂŒr lateinisch fides, „Treue, Glaube“cite-ref-23[23]) wurde die Partei am 30. MĂ€rz 1988 von 37 jungen Intellektuellen in Budapest im Studentenheim BibĂł IstvĂĄn gegrĂŒndet. Der Vorstand bestand am Anfang aus sechs Personen.

Von 1988 bis zu den ersten freien Wahlen nach der Wende konnte man die Partei als radikale Partei der jungen Leute definieren. Mitglied konnte ursprĂŒnglich nur werden, wer nicht Ă€lter als 35 Jahre war.cite-ref-dieringer09-78-24-0[24] Sie nahmen aktiv an Demonstrationen teil und wurden nach der feierlichen Umbettung von Imre Nagy durch eine Rede von Viktor OrbĂĄn, die schließlich auch zum Fall des kommunistischen Regimes beitrug, im ganzen Land bekannt. Die Partei spielte eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen am „Runden Tisch“ vor der Wende, wo sie damals von Viktor OrbĂĄn, LĂĄszlĂł KövĂ©r und GĂĄbor Fodor vertreten wurde.

Opposition und erste Regierungsbeteiligung (1990–2010)

Bei der ersten freien Wahl 1990 erhielt die Partei rund 9 % der Stimmen und setzte ihre politische TĂ€tigkeit anschließend mit 21 Abgeordneten im Parlament fort. 1992 wurde Fidesz in die Liberale Internationale aufgenommen (deren Mitglied die Partei bis 2000 blieb). Im Verlauf der Legislaturperiode nahm die PopularitĂ€t von Fidesz stark zu, wobei sie von der Unzufriedenheit mit dem unsteten Regierungskurs der bĂŒrgerlich-konservativen MDF profitieren konnte. In Umfragen im Jahr 1993 lag Fidesz auf dem ersten Platz.cite-ref-dieringer09-79-25-0[25] Im selben Jahr verließ eine Gruppe (unter ihnen GĂĄbor Fodor) die Partei und trat der liberalen Partei SZDSZ bei. Das zeitweilige Umfragehoch hielt jedoch nicht bis zum nĂ€chsten Wahltermin 1994 an. Im Gegenteil: Die Partei fiel auf 7 % und 20 Sitze zurĂŒck.

FiDeSz benannte sich 1996 in „Fidesz – Ungarische BĂŒrgerliche Partei“ (Fidesz – Magyar PolgĂĄri PĂĄrt, Fidesz-MPP) um und nahm in der zweiten HĂ€lfte der 1990er Jahre Positionen der konservativ-wirtschaftsliberalen Partei Ungarisches Demokratisches Forum (Magyar Demokrata FĂłrum, MDF) auf, die in dieser Zeit an Stimmen verlor. In dieser Zeit betonte Fidesz immer weniger ihre ursprĂŒngliche Jugendlichkeit. Fidesz wurde nur noch als losgelöstes Akronym verwendet und nicht mehr als AbkĂŒrzung fĂŒr „Bund Junger Demokraten“. Vielmehr wollte sie nun als seriöse Regierungspartei wahrgenommen werden.cite-ref-agh02-26-0[26]

Nach den Wahlen von 1998 konnte Fidesz gemeinsam mit dem MDF und der UnabhĂ€ngigen Partei der Kleinlandwirte, der Landarbeiter und des BĂŒrgertums (FĂŒggetlen KisgazdapĂĄrt, FKGP) eine Koalitionsregierung bilden. MinisterprĂ€sident wurde Viktor OrbĂĄn.

Bei den Wahlen von 2002 reichten die von Fidesz erzielten Stimmen nicht zur Regierungsbildung. Daher wurde der Kandidat der Ungarischen Sozialistischen Partei (Magyar Szocialista PĂĄrt, MSZP), PĂ©ter Medgyessy, mit der Regierungsbildung beauftragt. Im FrĂŒhjahr 2003 nahm Fidesz den heutigen Namen Fidesz-MPSZ an. Nach einem Erfolg bei der Europawahl 2004 bildete Fidesz 2005 eine Allianz mit der Christlich-Demokratischen Volkspartei (KeresztĂ©nydemokrata NĂ©ppĂĄrt, KDNP), musste sich jedoch bei den Parlamentswahlen 2006 dem sozialistisch-liberalen BĂŒndnis von MSZP und SZDSZ geschlagen geben.

Im Sommer 2007 geriet Fidesz in die Kritik, nachdem die Partei die GrĂŒndung der rechtsextremen paramilitĂ€rischen Organisation Ungarische Garde nicht verurteilt hatte. Die Ungarische Garde strebte – auch mit militĂ€rischen Mitteln – die „Beseitigung“ der als korrupt geltenden Regierung GyurcsĂĄny an. Fidesz-Vorstand Viktor OrbĂĄn sprach sich gegen die Anwendung von Gewalt aus und wurde dafĂŒr von den Rechtsextremen kritisiert.

An der Regierung (seit 2010)

Bei der Parlamentswahl in Ungarn 2010 siegte Fidesz (im BĂŒndnis mit der KDNP) im ersten Durchgang mit 52,7 Prozent der Stimmen, ein Zugewinn von mehr als 10 Prozentpunkten, wĂ€hrend die bislang regierende sozialdemokratische MSZP mehr als die HĂ€lfte ihres Stimmenanteils verloren und ihr Koalitionspartner, die liberale SzDSz, gar nicht mehr im Parlament vertreten war. Die grĂ¶ĂŸten Zugewinne hatte jedoch die rechtsextreme Jobbik, die auf den dritten Platz kam. Im zweiten Wahlgang baute Fidesz ihren Vorsprung mit Direktmandaten aus und erreichte damit eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Die Wahl wurde aufgrund der massiven Verschiebung der KrĂ€fteverhĂ€ltnisse und der Parteienlandschaft insgesamt als „Erdrutsch“ bezeichnet. Daraufhin wurde Viktor OrbĂĄn zum zweiten Mal zum MinisterprĂ€sidenten und PĂĄl Schmitt (ebenfalls ein Fidesz-Mitglied) zum StaatsprĂ€sidenten gewĂ€hlt.

Fidesz und KDNP nutzten ihre Zwei-Drittel-Mehrheit zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung, die im April 2011 – genau ein Jahr nach dem Wahlsieg von Fidesz – beschlossen wurde und zum darauffolgenden Jahreswechsel in Kraft trat. Die Staatsbezeichnung wurde dadurch von „Ungarische Republik“ schlicht in „Ungarn“ geĂ€ndert. Die als „Nationales Bekenntnis“ ĂŒberschriebene PrĂ€ambel enthĂ€lt nun einen Gottesbezug (Invocatio Dei). Zudem werden der Heilige Stephan, der erste König von Ungarn, und die heilige Stephanskrone angefĂŒhrt und Ungarn als Teil des „christlichen Europas“ bezeichnet. Die ungarische Nation wird ethnisch-kulturell definiert, die ethnischen Minderheiten sind kein Teil der Nation, sondern werden als „die mit uns zusammenlebenden NationalitĂ€ten“ bezeichnet. Zudem wurde das Parlament von 386 auf 199 Sitze verkleinert.

Aufgrund einer PlagiatsaffĂ€re trat StaatsprĂ€sident Schmitt am 2. Mai 2012 zurĂŒck, an seine Stelle trat ein weiteres Fidesz-Mitglied, JĂĄnos Áder.cite-ref-27[27] Bei der Parlamentswahl 2014 musste Fidesz (abermals mit KDNP angetreten) merkliche Stimmenverluste hinnehmen, wurde aber mit 44,9 % wieder stĂ€rkste Partei. Fidesz und KDNP behielten sogar ihre Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament, da nach dem neuen Wahlrecht mehr als die HĂ€lfte der Sitze direkt in den Wahlkreisen, unabhĂ€ngig vom landesweiten Stimmenanteil der Parteien, vergeben werden und Fidesz in 96 der 106 Wahlkreise siegte.

WĂ€hrend der FlĂŒchtlingskrise in Europa ab 2015 setzte sich die Fidesz-Regierung entschieden gegen die Aufnahme von FlĂŒchtlingen aus islamischen und afrikanischen LĂ€ndern und vor allem gegen die EinfĂŒhrung EU-weiter FlĂŒchtlingsquoten ein. Ein gegen die EU-FlĂŒchtlingspolitik gerichtetes Referendum scheiterte jedoch an zu geringer Beteiligung der Stimmberechtigten. Bei der Parlamentswahl 2018 nahm der Stimmenanteil von Fidesz+KDNP auf 49,3 % zu. Die Regierungsparteien erhielten erneut 133 der 199 Sitze, was einer Zwei-Drittel-Mehrheit entspricht.

Nach EinschĂ€tzung von Nichtregierungsorganisationen hat sich die Lage der politischen Rechte und bĂŒrgerlichen Freiheiten in Ungarn unter FĂŒhrung der Fidesz merklich verschlechtert. Beispielsweise bewertete die Organisation Freedom House Ungarn 2010 mit der Note 1,0, im Jahr 2015 nur noch mit 2,0 und 2019 mit 3,0.cite-ref-28[28] Ungarn ist in dieser Hinsicht das Land mit der negativsten Entwicklungskurve in Europa und nach dieser Skala das am wenigsten freie Land in der EuropĂ€ischen Union. Besonders macht sich dies im Bereich der Pressefreiheit bemerkbar, die Freedom House 2010 noch mit dem Wert 23 bewertete (wobei 0 vollkommen frei und 100 ĂŒberhaupt nicht frei ist), 2017 hingegen mit 44, was nicht mehr in die Kategorie „frei“, sondern nur „teilweise frei“ fĂ€llt. Beispielsweise wurde die grĂ¶ĂŸte unabhĂ€ngige Tageszeitung des Landes, NĂ©pszabadsĂĄg, 2016 eingestellt.cite-ref-29[29] Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International ist Ungarn zwischen 2010 und 2018 vom 50. auf den 64. Platz abgerutscht – vor Bulgarien der zweitschlechteste Wert in der EuropĂ€ischen Union.cite-ref-30[30]

Im MĂ€rz 2019 wurde die Mitgliedschaft von Fidesz in der EuropĂ€ischen Volkspartei (EVP) suspendiert. FĂŒr einen Ausschluss von Fidesz, wie sie von EVP-Chef Donald Tusk befĂŒrwortet wurde, gab es im Februar 2020 keine Mehrheit innerhalb der Mitgliedsparteien der EVP. Vor allem die deutsche CDU und CSU sprachen sich dagegen aus.cite-ref-31[31] Nachdem die Abgeordneten der EVP am 3. MĂ€rz 2021 eine Änderung der GeschĂ€ftsordnung beschlossen hatten, durch die eine Suspendierung der Mitgliedschaft der Fidesz oder auch ein Ausschluss möglich wurden, erklĂ€rte OrbĂĄn noch am selben Tag den Austritt der Abgeordneten seiner Partei aus der EVP-Fraktion. Die Änderung der GeschĂ€ftsordnung wurde von 148 EVP-Delegierten angenommen, 28 stimmten dagegen, darunter sechs der sieben ÖVP-Abgeordneten (die Ausnahme bildete Othmar Karas).cite-ref-32[32]cite-ref-33[33]cite-ref-34[34] Am 18. MĂ€rz 2021 verließ die Partei auch die EuropĂ€ische Volkspartei.cite-ref-35[35]

Alleine bis zur erneuten Wiederwahl im Jahr 2022 wurden unter Viktor Orbans Regierungszeit nach Aussage von Katarina Barley 700 Änderungen des Wahlrechts in Ungarn zum Vorteil der Fidesz vorgenommen.cite-ref-36[36]

Im Vorfeld und nach der Wahl zum EuropĂ€ischen Parlament 2024 wurde vielfach gemutmaßt, dass sich die neugewĂ€hlten Abgeordneten des Fidesz der gemĂ€ĂŸigt EU-kritischen Fraktion der EuropĂ€ischen Konservativen und Reformer (EKR) anschließen wĂŒrden, anstatt wie seit 2021 weiterhin fraktionslos zu bleiben. Fidesz verzichtete allerdings auf einen Beitritt, nachdem die sechs Abgeordneten der rumĂ€nischen Partei Allianz fĂŒr die Vereinigung der RumĂ€nen in die EKR-Fraktion aufgenommen worden waren. Fidesz und die ungarische Regierung werfen der rumĂ€nischen Partei eine „extreme anti-ungarische“ Haltung vor und verweigern eine Zusammenarbeit.cite-ref-37[37] Stattdessen verkĂŒndeten Viktor OrbĂĄn, Andrej Babis und Herbert Kickl am 30. Juni 2024 die GrĂŒndung eines neuen Fraktionsprojekts namens Patrioten fĂŒr Europa durch unter anderem Fidesz, die tschechische ANO und die österreichische FPÖ.cite-ref-38[38] Im September 2024 trat Fidesz auch der Partei Patriots.eu bei.

Im Oktober 2024 ĂŒberholte die Tisztelet Ă©s SzabadsĂĄg PĂĄrt (TISZA) unter PĂ©ter Magyar als erste Partei Ungarns Fidesz nach 18 Jahren knapp in zwei Wahlumfragen.cite-ref-39[39] Zu Neujahr 2025 forderte Magyar als OppositionsfĂŒhrer vorgezogene Neuwahlen.cite-ref-40[40]

Inhaltliches Profil

Die ideologische Ausrichtung von Fidesz hat sich nach EinschĂ€tzung verschiedener Politikwissenschaftler im Laufe ihrer Geschichte mehrmals verschoben. In ihrer GrĂŒndungsphase in der Wendezeit bis Mitte der 1990er-Jahre galt sie als radikal-liberale Partei, die sich fĂŒr Menschenrechte und freie Marktwirtschaft einsetzte. Damit sprach sie vor allem junge, liberale Intellektuelle an, die weder Teil der kommunistischen Nomenklatura noch kirchlich gebunden waren (die christlich orientierte Mittelschicht wĂ€hlte damals noch das MDF).cite-ref-k-r-senyi99-32-41-0[41] Im Vergleich mit der Ă€hnlich positionierten SzDSz wurde der Liberalismus von Fidesz sogar als noch radikaler wahrgenommen.cite-ref-42[42] Anfang der 1990er-Jahre kritisierten Fidesz-Abgeordnete – darunter auch OrbĂĄn – scharf die nationalistischen Tendenzen der MDF-Regierung, die sie fĂŒr rĂŒckwĂ€rtsgewandt hielten. Der ideologische Wandel von Fidesz begann laut JĂŒrgen Dieringer um 1993, als die Partei eine nationalliberale Richtung annahm. Sie hatte dadurch eine Zwischenposition zwischen dem westlich-liberalen SzDSz und dem national-konservativen MDF. Dies wurde jedoch als „weder Fisch noch Fleisch“ wahrgenommen und vom WĂ€hler nicht honoriert.cite-ref-dieringer09-79-25-1[25]

Nach dem Bruch mit der SzDSz 1994 wandelte sich Fidesz in der Mitte und zweiten HĂ€lfte der 1990er-Jahre weiter zu einer konservativen bis nationalkonservativen Partei.cite-ref-k-r-senyi99-32-41-1[41] Manifestiert wurde der Wandel vom liberalen zum konservativen Lager 2000 mit dem Austritt aus der Liberalen Internationale und Beitritt zur EuropĂ€ischen Volkspartei.cite-ref-dieringer09-79-25-2[25] In den 2000er-Jahren wurde die einst sĂ€kulare und antiklerikale Fidesz – unter Einschluss ihrer Dauerpartnerin, der kleinen christlichen KDNP – zur am stĂ€rksten religiösen und kirchentreuen Kraft im ungarischen Parteiensystem.cite-ref-43[43] Der ungarische Politikwissenschaftler Attila Ágh hĂ€lt die ideologische Ausrichtung in diesen drei Phasen fĂŒr so unterschiedlich, dass er von einer „ersten“, „zweiten“ und „dritten Fidesz“ spricht.cite-ref-agh02-26-1[26] Hingegen weist JĂŒrgen Dieringer darauf hin, dass auch schon die frĂŒhen, vermeintlich liberale, Fidesz die nationale Selbstbestimmung und die Lage der magyarischen Minderheiten in den NachbarlĂ€ndern thematisierte sowie Verbindungen ins populistisch-nationale Lager hatte.cite-ref-dieringer09-78-24-1[24]

Heute vertritt Fidesz in gesellschaftlichen Fragen rechtskonservative Positionen. Er betont dabei insbesondere pro-kirchliche und traditionelle „Familienwerte“. Autoritarismus und Nationalismus sind in der Rhetorik und Politik von Fidesz sehr stark verankert; aufgrund der EU-Mitgliedschaft Ungarns rechneten Beobachter nach den Wahlen 2010 jedoch mit einer MĂ€ĂŸigung des Nationalismus der Partei in Regierungsverantwortung.cite-ref-44[44] Diese Erwartung hat sich seit dem Regierungsantritt der Partei im Mai 2010 nicht bestĂ€tigt, zahlreiche Maßnahmen der Regierung lösten heftige europĂ€ische Kritik wegen eines wahrgenommenen Abbaus von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit aus.

Laut den ungarischen Politologen Attila JuhĂĄsz, PĂ©ter KrekĂł und KrisztiĂĄn Szabados entwickelte OrbĂĄn seine Politik auf dem Fundament einer Ideologie, die sich in ihren wesentlichen Bestandteilen fast vollstĂ€ndig mit einer Art Putinismus deckt: Nationalismus, Religion, Sozialkonservativismus, Staatskapitalismus und staatliche Kontrolle der Medien. Der „OrbĂĄnismus“, der das Putin-Modell mit einer ungarischen Nationalideologie anreichere, definiere Nation, Volk, Regierung und Staat als ein einheitliches Konzept, wĂ€hrend er fĂŒr sĂ€mtliche Probleme den Liberalismus und die freiheitliche Demokratie verantwortlich mache.cite-ref-45[45]

Verglichen mit der wirtschaftsliberalen SZDSZ und ihrer ersten Regierungszeit von 1998 bis 2002 befindet sich die Partei – aufgrund der Ă€ußerst schlechten wirtschaftlichen Lage in Ungarn – ökonomisch mittlerweile auf einem leicht verĂ€nderten Kurs.cite-ref-46[46] Im Kontext zahlreicher Deregulierungen in den letzten Jahren, die Ungarn zu einem der europĂ€ischen LĂ€nder mit der höchsten Privatisierungsquote gemacht haben, forderte Fidesz zum Beispiel im Wahlkampf 2006, den privatisierten Flughafen Budapest wieder zu verstaatlichen.cite-ref-47[47] Ebenso trat Fidesz fĂŒr ein Gesundheitssystem ein, das fĂŒr alle ohne Zusatzkosten verfĂŒgbar sein soll, und wandte sich gegen eine Privatisierung des Gesundheitssektors.

Anders als viele andere rechtskonservative und -populistische Parteien in Europa erkennt die Fidesz unter OrbĂĄn den menschenverursachten Klimawandel und dessen Gefahren an und unterstĂŒtzte bislang fast jede Klimaschutz-Resolution im EU-Parlament. Der Energiemix des Landes solle langfristig aus Atomenergie und Solarenergie bestehen; OrbĂĄn plĂ€diert fĂŒr eine Erweiterung des Kernkraftwerks Paks (Paks II).cite-ref-48[48]cite-ref-49[49]

FĂŒr die Zeit nach der Wahl 2010 kĂŒndigte die Partei Steuersenkungen als wesentliches Ziel an. Bislang wurde das Thema nicht angegangen; begrĂŒndet wurde es mit der Staatsverschuldung. Ebenso wenig wurden bislang Deregulierungen rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Schwerpunkt der bisherigen Regierungsarbeit war die Umgestaltung des Beamtenapparates, einhergehend mit zahlreichen Entlassungen, und eine Umgestaltung des Mediensektors, was von der EuropĂ€ischen Union als GefĂ€hrdung fĂŒr Presse- und Meinungsfreiheit kritisiert wurde.cite-ref-50[50]cite-ref-dgapbericht-51-0[51] Der private Mediensektor untersteht ĂŒberwiegend Personen aus OrbĂĄns Umfeld.cite-ref-52[52] Seit der Einstellung der Magyar Nemzet stellt NĂ©pszava die einzige regierungsunabhĂ€ngige Tageszeitung in Ungarn dar.cite-ref-53[53] In der Rangliste zur Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen fiel Ungarn innerhalb von elf Jahren um 70 PlĂ€tze und rangiert (Stand 2021) mittlerweile auf Rang 92cite-ref-54[54] von 180.cite-ref-55[55] Seitens des, im Jahre 2010 neu geschaffenen, Medienrates wurden EinschrĂ€nkungen in der Berichterstattung beispielsweise gegen die spĂ€ter von einem OrbĂĄn-Vertrauten aufgekaufte und unmittelbar danach geschlossene oppositionelle Zeitung NĂ©pszabadsĂĄg erlassen, welche sich nicht mehr ausfĂŒhrlich mit politisch heiklen Themen befassen durfte.cite-ref-56[56] Aufgrund antisemitischer Publikationen musste ein ehemaliges Fidesz-Mitglied, der Journalist Zsolt Bayer, 2013 erstmals ein Bußgeld entrichten, 2016 erhielt er jedoch eine hohe staatliche Auszeichnung, das Ritterkreuz des ungarischen Verdienstordens, was mehrere Publizisten, KĂŒnstler und Personen des öffentlichen Lebens heftig kritisierten, da Bayer rassistische, antisemitische und antiziganistische Texte verfasse.cite-ref-57[57] Die rechtsextreme Partei Jobbik wurde wegen rassistischer Äußerungen ebenfalls mit Geldstrafen belegt.cite-ref-dgapbericht-51-1[51]

Von westlichen Medien wird der Fidesz-Regierung das SchĂŒren oder zumindest Duldung von Antisemitismus vorgeworfen. Die von Fidesz/KDNP gestellte Regierung OrbĂĄn hat zwar als erste Regierung Ungarns eine Mitverantwortung des Landes am Holocaust eingestanden und dafĂŒr um Entschuldigung gebeten,cite-ref-die-welt-58-0[58]cite-ref-neue-z-rcher-zeitung-59-0[59] gleichwohl nehmen Fidesz-Politiker regelmĂ€ĂŸig an Gedenkveranstaltungen fĂŒr MiklĂłs Horthy teil, den autoritĂ€r regierenden Reichsverweser, dem Historiker eine Mitverantwortung fĂŒr den Holocaust an den ungarischen Juden zuschreiben und den OrbĂĄn 2017 einen „Ausnahmestaatsmann“ nannte. Der VizeprĂ€sident des Parlaments SĂĄndor LezsĂĄk wĂŒrdigte 2018 IvĂĄn HĂ©jjas, einen erklĂ€rten Antisemiten und nach dem Ersten Weltkrieg AnfĂŒhrer einer FreischĂ€rler-Miliz, der 1947 in Abwesenheit wegen Folter und Mordes zum Tod verurteilt wurde, als Helden und FreiheitskĂ€mpfer.cite-ref-60[60] 2017 startete die Fidesz gegen den ungarischstĂ€mmigen US-MilliardĂ€r George Soros eine Plakatkampagne, die von einer ungarischen jĂŒdischen Gemeinde kritisiert wurde, da sie antisemitische Untertöne enthalte. Eine weitere ungarische jĂŒdische Organisation widersprach dieser Auffassung, bezeichnete ein solches Vorgehen der Regierung jedoch als „nicht gut und nicht nĂŒtzlich“.cite-ref-61[61]

„In Europa lĂ€uft gerade ein Bevölkerungswechsel. Teilweise deswegen, damit Spekulanten, wie Soros selbst einer ist, viel Geld verdienen können. Sie möchten Europa zerstören, weil sie sich davon große Profite erhoffen. Anderseits haben sie auch ideologische Motive. Sie glauben an ein multikulturelles Europa, sie mögen das christliche Europa nicht, sie mögen die christlichen Traditionen Europas nicht, und sie mögen Christen nicht.“

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Viktor OrbĂĄn, Juli 2018

Vorstand

‱ 1988–1993 Gremium von 6 Mitgliedern
‱ 1993–2000 Viktor Orbán
‱ 2000–2001 LĂĄszlĂł KövĂ©r
‱ 2001–2002 Zoltán Pokorni
‱ 2002–2003 (amtsfĂŒhrend) JĂĄnos Áder
‱ seit 2003 Viktor Orbán

Wahlergebnisse

Parlamentswahlen

| Wahlergebnisse der Parlamentswahlen [ 63 ] | Wahlergebnisse der Parlamentswahlen [ 63 ] | Wahlergebnisse der Parlamentswahlen [ 63 ] | Wahlergebnisse der Parlamentswahlen [ 63 ] | Wahlergebnisse der Parlamentswahlen [ 63 ] |
|---|---|---|---|---|
| Jahr | Stimmenanzahl | Stimmenanteil | Sitze | |
| 1990 | 439.481 | 8,95 % | 21 | |
| 1994 | 379.295 | 7,02 % | 20 | |
| 1998 | 1.153.217 | 28,37 % | 148 | |
| Fidesz-MDF | Fidesz-MDF | Fidesz-MDF | Fidesz-MDF | |
| 2002 | 2.306.763 | 41,07 % | 164 von 188 | |
| Fidesz–KDNP | Fidesz–KDNP | Fidesz–KDNP | Fidesz–KDNP | |
| 2006 | 2.272.979 | 42,03 % | 141 von 164 | |
| 2010 | 2.706.292 | 52,73 % | 227 von 263 | |
| 2014 | 2.264.780 | 44,87 % | 117 von 133 [ 64 ] | |
| 2018 | 2.603.547 | 49,23 % | 117 von 133 | |
| 2022 | 3.060.706 | 54,13 % | 117 von 135 [ 65 ] | |

Kommunalwahlen

‱ 1990: 792 Abgeordnete, 33 BĂŒrgermeister
‱ 1994: selbstĂ€ndig 284, in Koalition 370 Mandate; 30 BĂŒrgermeister
‱ 1998: 189 BĂŒrgermeister

Europawahlen

| Wahlergebnisse der Europawahlen | Wahlergebnisse der Europawahlen | Wahlergebnisse der Europawahlen | Wahlergebnisse der Europawahlen | Wahlergebnisse der Europawahlen |
|---|---|---|---|---|
| Jahr | Stimmenanzahl | Stimmenanteil | Sitze | |
| 2004 | 1.457.750 | 47,40 % | 12 | |
| Fidesz–KDNP | Fidesz–KDNP | Fidesz–KDNP | Fidesz–KDNP | |
| 2009 | 1.632.309 | 56,36 % | 13 von 14 | |
| 2014 | 1.193.991 | 51,48 % | 11 von 12 | |
| 2019 | 1.824.220 | 52,56 % | 12 von 13 | |
| 2024 | 2.048.211 | 44,82 % | 10 von 11 | |

Literatur

‱ Attila JuhĂĄsz, PĂ©ter KrekĂł, KrisztiĂĄn Szabados: Fidesz und der Nationalpopulismus in Ungarn. In: Ernst Hillebrand (Hrsg.): Rechtspopulismus in Europa: Gefahr fĂŒr die Demokratie? Dietz, Bonn 2015, ISBN 978-3-8012-0467-9, S. 96 ff.
‱ Peter Krekó, Gregor Mayer: Transforming Hungary – together? An analysis of the Fidesz-Jobbik relationship. In: Michael Minkenberg (Hrsg.): Transforming the Transformation? The East European radical right in the political process. Routledge, New York u. a. 2015, ISBN 978-1-138-83183-4, S. 183 ff.

Weblinks

Commons

: Fidesz

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

‱ Fidesz.hu, Offizielle Homepage (ungarisch)
‱ RegierungsplĂ€ne von Fidesz unter OrbĂĄn, Reuters Factbox (englisch)
‱ Netanyahu hails Orban’s Hungary as an ally of Israel, https://www.ft.com/content/1652bef2-6bb4-11e7-bfeb-33fe0c5b7eaa, Financial Times (englisch)

Einzelnachweise

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cite-note-22. Der Standard: Orbåns Fidesz verlÀsst EuropÀische Volkspartei. Abgerufen am 3. MÀrz 2021.
cite-note-33. ↑ Ungarn ist eine Wahlautokratie – Leipzig Jean Monnet Centre of Excellence. Abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-44. ↑ Michael Thumann: Autokratie: MĂ€nner, die sich gegenseitig helfen. In: Die Zeit. 4. April 2025, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 20. Juli 2025]).
cite-note-55. ↑ Jan Puhl, Walter Mayr: (S+) Viktor Orbán und der Demokratiezerfall: Der Staat? Bin ich (S+). In: Der Spiegel. 5. Dezember 2021, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 20. Juli 2025]).
cite-note-66. ↑ Silvia Stöber, zzt in Tiflis: Ungarns Außenpolitik - Orbans autokratisches Netzwerk. Abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-77. ↑ Viktor OrbĂĄn, ein völkischer Nationalist, der in der EU nichts verloren hat - WELT. Abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-88. ↑ Viktor Orbán und der ungarische Nationalismus. 11. Februar 2017, abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-99. ↑ Richard Swartz: Orban - der talentierteste europĂ€ische Politiker. In: Neue ZĂŒrcher Zeitung. 10. Februar 2024, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 20. Juli 2025]).
cite-note-1010. ↑ Ungarns MinisterprĂ€sident Orban ruft zu Widerstand gegen EU auf. Abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-1111. ↑ 26 07 2024 um 20:05 von unserem Korrespondenten Peter Bognar: So funktioniert Orbáns „illiberale Demokratie“. 26. Juli 2024, abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-1212. ↑ Meret Baumann: Viktor Orban: Eine Anleitung zum Illiberalismus. In: Neue ZĂŒrcher Zeitung. 15. MĂ€rz 2019, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 20. Juli 2025]).
cite-note-1313. ↑ Illiberalismus von rechts: Eine neue Dynamik in Ostmitteleuropa? Abgerufen am 20. Juli 2025 (österreichisches Deutsch).
cite-note-1414. ↑ tagesschau.de: EU-Parlament spricht Ungarn Demokratie-Status ab. Abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-1515. ↑ 21 05 2025 um 17:20 von unserem Korrespondenten Peter Bognár: Versetzt Orbán der Demokratie in Ungarn den Todesstoß? 21. Mai 2025, abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-1616. ↑ Ungarn: Orban zeigt, wie man eine Demokratie von innen heraus zerstören kann - WELT. Abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-1717. ↑ Besuch bei Orban: Weidel lobt Ungarn als "großes Vorbild". Abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-1818. ↑ Viktor Orbán kritisiert AfD-Einstufung: „Was zum Teufel ist in Deutschland los?“ - WELT. Abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-1919. ↑ Daniel Imwinkelried: Viktor Orban empört mit Warnung vor einer «gemischtrassigen Welt». In: Neue ZĂŒrcher Zeitung. 28. Juli 2022, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 20. Juli 2025]).
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cite-note-2121. ↑ Wie Fidesz von einer liberalen zur rechtsnational Partei wurde. 14. MĂ€rz 2019, abgerufen am 20. Juli 2025.
cite-note-2222. ↑ Cathrin Kahlweit: Wie OrbĂĄn immer weiter nach rechts rĂŒckt. 13. November 2023, abgerufen am 20. Juli 2025.
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cite-note-dieringer09-79-2525. ↑ JĂŒrgen Dieringer: Das politische System der Republik Ungarn. Genese – Entwicklung – EuropĂ€isierung. Verlag Barbara Budrich, Opladen/Farmington Hills (MI) 2009, S. 79.
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cite-note-5656. ↑ Stephan Ozsváth: Pressefreiheit in Ungarn - Eine Frage der Macht. In: deutschlandfunk.de. 18. Februar 2017, abgerufen am 17. Februar 2024.
cite-note-5757. ↑ Ein Ritterkreuz fĂŒr den Menschenfeind In: Spiegel Online, 22. August 2016, abgerufen am 21. Mai 2019.
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cite-note-634. National Election Office - Parliamentary elections. In: valasztas.hu. Abgerufen im 1. Januar 1 (englisch).
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cite-note-656. Nemzeti Vålasztåsi Iroda - OrszåggyƱlési Vålasztås 2022. Abgerufen am 4. April 2022 (ungarisch).